Armut als Geschäftsmodell: Datenhandel mit den Adresslisten der Armen

Benjamin Thorn  / pixelio.de

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Das Wissen darüber, welche Verbraucher arm sind und welche nicht, ist für Unternehmen Gold wert: Sie können ihr Risiko von Zahlungsausfällen minimieren oder armen Verbrauchern gezielt Billigware anbieten und so bessere Geschäfte machen. Bestellen können Unternehmen das Wissen über geringe Einkünfte bei Datenhändlern, die umfangreiche Datenbanken mit Adressen von Armen im Angebot haben. Die Eingruppierung von Menschen in die entsprechenden Adressverzeichnisse über Armen bringt für die Betroffenen in der Regel empfindliche Einschränkungen mit sich.

Meistens liegt Armut im Verborgenen. Den Meisten ist es unangenehm, wenn sie in unserer Konsumgesellschaft nicht mithalten können. Sie befürchten, stigmatisiert und ausgegrenzt zu werden. Betroffene versuchen deshalb, nach außen hin die „Normalität“ zu wahren. Doch das wird immer schwieriger: Datenhändler und Unternehmen haben umfangreiche Datenbanken mit Informationen über arme oder von Armut bedrohte Menschen aufgebaut und bieten sie anderen Unternehmen zum Kauf an. Diese wiederum nutzen sie als Entscheidungsgrundlage für die Ausgestaltung der Kundenbeziehungen, Neukundenakquise oder Produktgestaltung. Die nachfolgend beschriebenen Vorgehensweisen sind durch wirtschaftsfreundliche Ausgestaltung der deutschen Datenschutzgesetze gedeckt und somit legal. Sie sind jedoch nicht geeignet, die Prinzipien der Sozialen Marktwirtschaft zu stützen. Parallel werfen Sie die Frage auf, ob sie im Vergleich mit der extrem kritisch diskutierten Sammelwut von sozialen Netzwerken und anderen Internetanwendungen das kleinere oder größere Übel sind.

In einer der größten deutschen Datenbanken sind allein 19.000.000 „wirtschaftlich riskante Adressaten“ verzeichnet. So heißen arme oder von Armut bedrohte Menschen in der Sprache der Datenhändler. Das sind immerhin fast 50 Prozent mehr als die 13.000.000 Armen, die die Bundesregierung in ihrem Armutsbericht 2012 verzeichnet.

Die Datenbank wird von der Arvato-Tochter AZ Direct angeboten und ist die Kombination der Risikoinformationen von arvato infoscore (ein Wettbewerber der Schufa) und der eigenen Adressdatenbank, in der fast alle der 40 Millionen Haushalte in Deutschland verzeichnet sind (Quelle: AZ Direct).

Parallel dazu gibt es sogenannte Adresslisten, wie die Liste mit dem klangvollen Namen „Wer soll das bezahlen?“. Sie umfasst die Adressen von knapp 1.000.000 Verbrauchern und wird wie folgt beworben:

Quelle: AZ Direct Blätterkatalog – Seite 3

Andere Quellen für „wirtschaftlich riskante Adressen“ sind Angaben, die Verbraucher zum Beispiel bei Anfragen zu „Krediten ohne Schufaauskunft“ oder in Kreditverträgen machen (Quelle: Adressfit GmbH (PDF Download)). Zusätzlich gibt es die Datenbanken von Inkassobüros oder Auskunfteien, bei denen Informationen zu potenziell armen Menschen abgefragt werden können.

Doch wie kommt es zu der Einordnung von Daten in sogenannte Armenlisten?

Bei einigen Anbietern ist maßgeblich die Wohnadresse ein Kriterium dafür, ob die Person der Gruppe „wirtschaftlich riskanter Adressaten“ zugeordnet wird. Sofern in der Umgebung von Personen viele Schuldner oder arme Menschen wohnen, können sie unabhängig ihrer tatsächlichen wirtschaftlichen Lage automatisch der Gruppe „wirtschaftlich riskanter Adressaten“ zufallen. Vor diesem Hintergrund erscheint beispielsweise die Umzugsmeldung in einem neuen Licht. Mit Ihrer Umzugsadresse geben Verbraucher indirekt bekannt, wie sich ihr sozialer (Wohn-)Status entwickelt. Nicht zufällig gehört die Deutsche Post, als wichtigster Sammler von Umzugsadressen = Nachsendeaufträgen, zu den größten Datenhändlern in Deutschland.

Für Betroffene kann das unterschiedliche Folgen haben. So wird etwa beim Einkauf mit der Geldkarte über Datenbankabfragen innerhalb von Sekunden entschieden, ob Sie risikoarm genug sind und per Unterschrift zahlen können oder ob Sie Ihre PIN eingeben müssen. Auf Einkaufsplattformen im Internet entscheiden die Ergebnisse der Datenbankabfragen darüber, ob Sie auf Rechnung einkaufen können oder Vorkasse leisten müssen. Unternehmen können sich entscheiden, Armen keine Angebote zu hochwertigen Produkten zukommen zu lassen, und gezielt Billigware anbieten. Entsprechende Adresslisten werben mit der Formulierung wie: „Diese Gruppe ist in den Grenzen Ihres noch verbleibenden Einkommens konsumfreudig und neigt gerne zu spontanen Entscheidungen.“ Viele Unternehmen entscheiden danach, mit den Gruppenzugehörigen keine oder nur stark eingeschränkte Geschäftsbeziehungen einzugehen. Telekommunikationsunternehmen etwa schließen möglicherweise keinen Handyvertrag, bei dem auf Rechnung bezahlt wird, sondern bieten nur Prepaid an. Banken können ihre Kreditlinien entsprechend anpassen und sogenannte Risikozuschläge verlangen, Versicherungen passen Vertragsbedingungen an, Vermieter lehnen Mieter ab …

Unser Standpunkt: Die Wirtschaft hat ein durchaus berechtigtes Interessen, sich vor Forderungsausfällen aufgrund von Betrug, Missbrauch und Zahlungsunfähigkeit zu schützen. Dafür gibt es gesetzliche Regelungen zu Auskunfteien, Inkassounternehmen und Kredit-Scoring-Anbietern. Die Stigmatisierung von 19.000.000 Verbrauchern als „wirtschaftlich riskante Adresse“ und die Bildung von „Adresslisten mit Armen“ und „Kreditnehmern“ geht weit über die Prävention gegen Forderungsausfälle hinaus. Die Betroffenen haben in der Regel keine Kenntnis über die Existenz und Inhalte solcher Datenbanken und Listen und kaum Einflussmöglichkeiten darauf, ob und wie sie eingeordnet werden. Zwischen Wirtschaft und Betroffenen besteht ein starkes Machtgefälle. Ganze Bevölkerungschichten werden von der Nutzung von Produkten und Dienstleistungen oder vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen. Es ist dringend geboten, dieses Machtgefälle zu beseitigen und den Betroffenen Werkzeuge bereitzustellen, mit denen sie Auskunft über ihre Zuordung zu diesen Gruppierungen erhalten können, in unbegründeten Fällen der Aufnahme in solche Verzeichnisse widersprechen und ihre Daten korrigieren oder löschen lassen können.

SAFE-ADDRESS setzt sich dafür ein, dass Verbraucher selbst über die Verwendung ihrer Daten bestimmen, und empfiehlt, dass die Betroffenen den Handel mit ihren Adressdaten selbst kontrollieren. Dazu sind im Bundesdatenschutzgesetz wirksame Rechte verankert. SAFE-ADDRESS unterstützt Verbraucher dabei, ihre Rechte wahrzunehmen. Sie können gegenüber Unternehmen in deren Datennutzung einwilligen, ihr widersprechen, Auskunft zu gespeicherten Daten anfordern oder sie auch löschen lassen.

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3 Gedanken zu „Armut als Geschäftsmodell: Datenhandel mit den Adresslisten der Armen

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