Der gläserne Autofahrer: Fahrdaten für günstigere Versicherung

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Telefónica Deutschland will die Fahrdaten von Autos für Versicherungen verfügbar machen: Eine Telematik-Box im Auto soll aufzeichnen, wann ein Auto wie gefahren wird – am Tag oder in der Nacht, eher langsam und defensiv oder flott bis aggressiv, mit zügigem Beschleunigen oder starkem Bremsen oder gelassen und weitsichtig. Auch Geschwindigkeitsüberschreitungen soll das Gerät registrieren. Die gesammelten Daten sollen analysiert und als Punktestand an den Versicherer des Autos übertragen werden. Der Versicherer soll daran das Risikoverhalten des Fahrer einschätzen und damit den passenden Versicherungstarif berechnen.

Nach Angaben von Telefónica haben britische und amerikanische Versicherungsunternehmen festgestellt, dass mit einem derartigen Telematik-System der Schadenaufwand um 30 Prozent sinken kann. Im Idealfall könnte dieser Preisvorteil an den Versicherten weitergegeben werden.

Für die Versicherer wird damit ein Traum wahr: Sie erfahren aus einem technischen System, was der Autofahrer so anstellt. Sie brauchen sich nicht auf statistische Wahrscheinlichkeiten und Gruppeneinstufungen für die Berechnung des Versicherungstarifs zu berufen, sondern können individuell mit harten Fakten berechnen, wie das Risikoprofil eines Versicherten aussieht.

Für den Versicherten kann das zum Alptraum werden: Wenn auch Geschwindigkeitsüberschreitungen erfasst werden, werden offensichtlich auch Fahrstrecke, Geschwindigkeit und Uhrzeit gespeichert. Damit entstehen vollständige Bewegungsprofile. Vollständige Offenheit, wann man wo und wie unterwegs war. Der Autofahrer wird mit seinem Telematik-bestückten Auto so zum gläsernen Autofahrer. Und zwar nicht nur der Eigentümer, sondern jeder, der den Wagen nutzt – denn nicht der Fahrer, sondern das Auto ist versichert.

Datenschützer sehen das System durchaus kritisch. Der Deutschen Presseagentur sagte der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar: „Wer einen derartigen Tarif wählt, muss sich darauf einlassen, dass eine Vielzahl von Daten erhoben, gespeichert und ausgewertet wird.“ Und weiter: „Im Grunde handelt es sich dabei um eine ‚freiwillige‘ Vorratsdatenspeicherung des Kfz-Halters.“ Den Gesetzgeber forderte Schaar auf, die Entwicklung kritisch zu beobachten. Die möglichen Vergünstigungen dürften nicht zu einem „ökonomischen Zwang“ führen, sich darauf einzulassen.

Unsere Meinung: Schon im vergangenen Herbst hat Telefónica damit Schlagzeilen gemacht, dass sich aus Bewegungsdaten interessante Geschäftsmodelle ableiten lassen. Damals ging es allein um Marketing und ortsabhängige Angebote. Jetzt soll immerhin der Kunde von den neuen Möglichkeiten der Bewegungsdatenerfassung profitieren. Doch ob es wirklich dazu kommt und ob der Preis, zum gläsernen Autofahrer zu werden, nicht einfach zu hoch ist, muss wohl jeder selbst entscheiden. Telefónica zeigt auf jeden Fall, wie weit Unternehmen unser Leben verfolgen, speichern, analysieren und unsere Entscheidungen beeinflussen können. Mit sochen Modellen verlieren wir immer mehr von unserer Privatsphäre. Sie wird von der Sphäre des Privaten zur unternehmensanalysierten und -gesteuerten Lebenswirklichkeit. Eine erschreckende Vorstellung.

Gut, dass wir uns darauf nicht einlassen müssen und dass das Bundesdatenschutzgesetz uns starke Rechte einräumt, unsere Daten zu kontrollieren. Über SAFE-ADDRESS können Sie beispielsweise jetzt schon ganz einfach bei Telefónica nachfragen, welche Daten über Sie gespeichert sind, und die Nutzung dieser Daten verbieten.

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